Geteilte Arbeitsplätze: So funktioniert Coworking auf dem Land

XL Unser Extra für Ihr Wochenende noz.de vom 25.11.2021, 14:06 Uhr NEUGIER UND FASZINATION Geteilte Arbeitsplätze: So funktioniert Coworking auf dem Land Von Corinna Clara Röttker Beim Co-Working teilt man sich flexibel Arbeitsplätze und Infrastruktur – vom W-Lan über den Drucker bis hin zur Kaffeemaschine. Foto: Imago Images/Westend61 Uelsen. Coworking-Spaces gibt es nicht nur in Metropolen, sondern zunehmend auch auf dem Land. Nutzung und Funktionen der geteilten Büros unterscheiden sich hier jedoch vom städtischen Vorbild. Wie genau, zeigt drei Beispiele. In den Großstädten gehören Coworking-Spaces längst zum Stadtbild. Doch auch in ländlichen Regionen trifft man immer häufiger auf Gemeinschaftsbüros, in denen Menschen mit unterschiedlichen Berufen und aus verschiedenen Branchen zwanglos zusammenkommen, um gemeinsam, aber nicht unbedingt miteinander zu arbeiten. Sie teilen sich flexibel Arbeitsplätze und Infrastruktur – vom W-Lan über den Drucker bis hin zur Kaffeemaschine. Jeder macht sein eigenes Ding, muss aber nicht allein zu Hause sitzen. Die ursprünglich im amerikanischen Silicon Valley entstandene Arbeitsform erscheint auf dem Land vielen als verheißungsvoll: Städtern, weil sie von einem entschleunigten Leben im Grünen träumen, und Landbewohnern, weil sie sich eine Belebung ihrer Region erhoffen. Neugierig und fasziniert Geert Schippers ist einer von ihnen. Seit Mai 2021 betreibt der frühere Handwerksmeister in der Grafschaft Bentheim den Coworking-Space Vision in Uelsen. Am Rande der Samtgemeinde gehört Schippers ein Grundstück samt Halle und Nebengebäude. Beides hatte der Frührentner jahrelang an ein Spielcasino vermietet. „Als dann das alte Bürogebäude frei wurde, kontaktierte ich einen Immobilienberater, um mit ihm verschiedene Vermietungs- und Nutzungsmöglichkeiten zu besprechen, zumal das Gebäude renovierungsbedürftig war“, erzählt der 55-Jährige. Der Immobilienberater zeigte ihm dann die Möglichkeit eines Coworking-Space auf. „Ich hatte zuvor noch nie etwas davon gehört, doch die Art und Weise, so zu arbeiten, hat mich fasziniert. Ich war mehr als neugierig, ob so was auch bei uns auf dem Land funktionieren würde, und sah es als Chance, von der auch Uelsen profitieren könnte.“ Lesen Sie auch: • Teilzeit arbeiten ohne finanzielle Einbußen – geht das? • Erfolgreich aber unglücklich? So überwinden Sie die Mid-Career-Crisis • Im Nebenberuf Versicherungsvermittler: Das Ende des Einzelkämpfers Ein Arbeitsplatz kostet 245 Euro im Monat Schippers nahm 150.000 Euro in die Hand, renovierte das alte Gebäude und errichtete auf 120 Quadratmetern den Coworking-Space. Dieser besteht aus einem großem Raum mit zehn Arbeitsplätzen, großen Fenstern, vielen Pflanzen und Sichtschutzwänden an jedem Platz. Zudem gibt es einen Konferenzraum sowie eine Art Telefonzelle für private Gespräche. „Das Risiko ist für mich überschaubar: Das Gebäude musste so oder so saniert werden, und bis auf das Inventar habe ich keine großen weiteren Investitionen getätigt. Sollte also der Coworking-Space langfristig nicht funktionieren, kann ich das Gebäude anderweitig wieder vermieten", sagt Schippers. Interessierte müssen sich zunächst auf der Webseite als Mitglied registrieren und können anschließend online einen Arbeitsplatz buchen. Die Tarife unterscheiden sich je nach Buchungsdauer: Wer einen Tisch für zehn Stunden im Monat buchen will, zahlt 45 Euro, eine Woche kostet 85 Euro, der Monat 245 Euro. Zudem gibt es Jahres- (195 Euro pro Monat) und Halbjahrestarife (225 pro Monat) sowie separat buchbare Extras wie einen eigenen Spind. Bislang zählt Schippers drei Jahresmieter – ein Autohändler aus den Niederlanden, ein Fitnessstudio sowie seine Tochter Laurine, die als selbstständige Mediengestalterin in dem Coworking-Space arbeitet. „Mir gefallen die lockere Atmosphäre, der offene Austausch mit branchenfremden Menschen und dass ich jederzeit monatlich kündigen kann.“ Coworkerin Laurine Die Nachfrage nehme langsam zu. „Selbst aus Hamburg hat man uns schon angefragt“, erzählt Schippers. Damals fehlte jedoch noch der Breitbandanschluss, den es mittlerweile aber gibt. Coworking wird auf dem Land immer beliebter Dass das Konzept in der Provinz immer beliebter wird, zeigt auch die Statistik: So ist das Angebot der Coworking-Spaces außerhalb von Ballungsgebieten innerhalb weniger Jahre auf inzwischen über 140 gestiegen. Treiber seien hier die Digitalisierung und zuletzt vor allem die Corona-Pandemie, sagt Hans-Albrecht Wiehler, Leiter des Landesbüros Niedersachsen der Genossenschaft Coworkland, die Spaces auf dem Land unterstützt und vernetzt. „Coworking-Spaces in ländlichen Räumen ermöglichen mehr Menschen, auf dem Land zu leben und dennoch Jobs nachzugehen, die in den Städten verankert sind.“ Hans-Albrecht Wiehler, Coworkland Auch die Kommunen profitieren, wirtschaftlich wie sozial: „Die Spaces wirken als Keimzelle, bringen Versorgungsstrukturen zurück in die Provinz und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Attraktivität einer Kleinstadt oder eines Dorfes“, so Wiehler. Nicht zuletzt deshalb werden sie oft von Gemeinden und anderen kommunalen Organisationen unterstützt. Eine Zuwendung, die für die Betreiber vor allem zu Beginn enorm hilfreich ist. Denn auf dem Land ist Coworking nur langfristig rentabel. „Coworking-Spaces sind nicht der Weg zum schnellen Geld“, sagt Wiehler. Das Problem: In Ballungsgebieten haben rentable Gemeinschaftsbüros Flächen über 1000 Quadratmeter. Auf dem Land hingegen sind sie aufgrund der geringeren Nachfrage deutlich kleiner, häufig weniger als 500 Quadratmeter groß. Sie operieren damit in Größenordnungen, in denen es schwer ist, überhaupt Gewinn zu machen. Das Geschäft ist auch bei Geert Schippers bisher nicht ertragreich, dafür brauchte er fünf bis sechs Jahresmieter, wie er sagt. Zudem erhielt er keine finanzielle Unterstützung aus öffentlicher Hand. „Doch auf dem Gelände haben wir in der Halle weitere Vermietungen, mit denen wir eine ausreichende Einnahmequelle haben.“ Workation - Urlaub und Arbeit zugleich Gerade bei ländlichen Coworking-Spaces ist es keine Seltenheit, dass viele Betreiber noch eine zusätzliche Einnahmequelle haben oder einer weiteren Beschäftigung nachgehen, um damit die Kosten zu stemmen. So auch im Fall von Thomas Wick. Zusammen mit seiner Frau betreibt er seit April 2019 das Coworking-Space Cobaas im schleswig-holsteinischen Preetz, das neben Arbeitsplätzen auch direkt angrenzende Ferienwohnungen vermietet. Workation nennt sich dann das Ganze, also Arbeit und Urlaub zugleich. Finanziell unterstützt wurde Wick dabei von der Förderinitiative „Aktivregion Schleswig-Holstein“ mit EU-Geldern sowie der Stadt Preetz. Beides zusammen hat etwa ein Drittel der Investitionskosten gedeckt. Den Rest investierte das Ehepaar Wick aus privater Tasche. „Das war und ist intrinsisch motivierte Arbeit“, sagt er. Heute verfügt das Cobaas über zehn Arbeitsplätze in fünf verschiedenen Räumlichkeiten. Die Auslastung im Space liegt laut Wick bei rund 50 bis 60 Prozent. Haupteinnahmequellen seien deshalb nach wie vor die Ferienwohnungen, die Wick schon deutlich länger als das Cobaas betreibt. Cobaas Das Cobaas in Preetz. Foto: Cobaas Seine Coworker seien dabei „eine bunte Reihe an Menschen“, vom Brandschutzingenieur, Handwerker, Wissenschaftler bis hin zu einem Kosmetikvertrieb und Vertriebsleitern. Heterogene Kundschaft und umfassendere Nutzungsszenarien Auch das ist typisch für ländliche Coworking-Spaces: Die Kundschaft ist weitaus heterogener als die in den Städten, es treffen sich eben nicht nur Kultur- und Kreativschaffende, das einstige Ursprungsmilieu der urbanen Coworking-Spaces. „Sie kommen zu uns, weil sie einerseits den Austausch mit Personen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und anderseits das Ambiente im Grünen und das Wohnzimmerfeeling in Cobaas schätzen“ sagt Wick. Und hier sind Funktionen und Nutzungsszenarien von Coworking-Spaces deutlich umfassender und kreativer als in Ballungszentren. In Großstädten reicht es häufig aus, wenn ein Space lediglich die entsprechende Infrastruktur bietet. Genutzt werden die Büros dort insbesondere auch deshalb, weil viele Städter kleine Wohnungen und kein separates Arbeitszimmer haben, Büromieten zudem teuer sind. Auf dem Land hingegen sind es der Zugang zu Netzwerken und die Gemeinschaft, die das Modell attraktiv machen, so Wiehler. „Um langfristig Zulauf zu haben und wirtschaftlich zu arbeiten, integrieren viele ländliche Coworking-Spaces deswegen weitere Angebote wie Kitas, Cafés, Werkstätten oder Kulturveranstaltungen, was wiederum zu einer nachhaltigen Regionalentwicklung beiträgt.“ Lokale Wirtschaftsförderung als Coworking-Gründer Treiber bei Gründungen von Coworking-Spaces auf dem Land sind daher häufig auch die regionalen Wirtschaftsförderungen, wie etwa in Stadthagen (Landkreis Schaumburg). Hier führt die Weserbergland AG seit Mai 2020 den Coworking-Space iKantine. „Stadthagen war in der Vergangenheit bekannt für große Arbeitgeber, mit einer Vielzahl von Arbeitsplätzen. Mit der Zeit sind diese Strukturen sukzessive weggebrochen“, erzählt Nina Mersmann, Projektleiterin der iKantine bei der Weserbergland AG. „Damit fehlen resiliente wirtschaftliche Strukturen.“ Diese sollen nun durch Start-ups und Neugründungen sukzessive und nachhaltig wiederaufgebaut werden. Dabei helfen soll die iKantine der Weserbergland AG, indem sie eben jene Jungunternehmen anlockt. Der Coworking-Space iKantine in Stadthagen. Foto: iKantine Der Vorteil eines solchen Coworking-Spaces: Lokale Wirtschaftsförderungen verfügen über Vernetzungsangebote, können bei Fördermitteln beraten, bieten Weiterbildungsformate und haben Zugang zur lokalen Wirtschaft. „Start Ups, die durch ihre Geschäftsideen einen starken Bezug zum Ländlichen haben, finden mit der iKantine Ansprechpartner, die ihrer Idee weiteren Aufschwung verleihen können“, sagt Mersmann. Ein weiterer Schwerpunkt im Nutzungskonzept ist die iKantine als Austragungsort für Veranstaltungen. So werden in einer engen Kooperation mit der Stadt in der iKantine sämtliche Veranstaltungen zur innovativen Stadtentwicklung durchgeführt. Geert Schippers plant, das Angebot in seinem Coworking-Space in Uelsen weiter auszubauen. So will etwa das Fitnessstudio, das bereits als Coworker Mieter ist, in der Halle direkt nebenan im Frühjahr eine neue Sportstätte eröffnen. „Wir wollen dann unser Angebot bündeln, sodass unsere Coworker mit einem Jahresvertrag dann die Möglichkeit haben, gratis im Fitnesscenter nebenan zu trainieren. Das könnte weitere potenzielle Nutzer unseres Space anlocken und macht Uelsen zudem attraktiver.“


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